Busse und Bahnen sind sicherer als gedacht

Busse und Bahnen sind sicherer als gedacht

Weltweite Studien widerlegen Infektionsgefahr im ÖPNV

Der öffentliche Nahverkehr ist auch in Coronazeiten sehr viel sicherer, als viele Menschen denken. Das legen weltweite Analysen nahe. Wir blicken auf andere Länder und schauen, wie es dort um die Sicherheit im ÖPNV zu Coronazeiten bestellt ist.

Die Coronapandemie hat den öffentlichen Nahverkehr mit voller Wucht getroffen – und das nicht nur in Deutschland, sondern auf der ganzen Welt. Von jetzt auf gleich sind die Fahrgastzahlen eingebrochen. Aufgrund eines vermuteten Ansteckungsrisikos mit Covid-19 meiden viele Menschen nach wie vor die öffentlichen Busse und Bahnen. Dass diese Bedenken jedoch unbegründet sind, zeigen gleich mehrere Studien, die sich mit dem Thema Sicherheit im ÖPNV zu Coronazeiten genau befasst haben.

Österreich: Positives Zeugnis für den ÖPNV

Mit einer Analyse hat die österreichische Agentur für Ernährungssicherheit (AGES) Infektionsketten mithilfe lokaler Behörden rekonstruiert. Daraus ergeben sich Cluster, die zeitlich und räumlich zusammenhängende Infektionshäufungen zusammenfassen.

Das Ergebnis: Im Rahmen der epidemiologischen Abklärung konnte keine einzige Infektionskette belegt werden, die auf eine Ansteckung im öffentlichen Verkehr hinweist. Das fand die AGES fand heraus: „Unter den abgeklärten Clustern lassen sich keine Fallhäufungen zurückführen auf den Besuch von Geschäftslokalen oder die Benutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln.“ Und wie sieht es in anderen Orten auf der Welt aus?

Frau trägt Maske und wartet in Wien auf ihren Bus.
Wien: Eine ältere Frau wartet mit Mund-Nasen-Schutz auf den Bus. © Marion_Carniel / Shutterstock

Leichte Entwarnung aus Frankreich

Ein ähnliches Bild wie in Österreich zeichnet sich in Frankreich ab. Dort führten Experten der französischen Gesundheitsbehörde Santé publique France vom 9. Mai bis zum 3. Juni eine Cluster-Analyse durch. Wie die französische Tageszeitung „Le Parisien“ berichtet, wies in diesem Zeitraum von insgesamt 150 festgestellten Infektionsketten keine auf Transportmittel wie Busse, Bahnen, Flugzeuge und Schiffe hin. Die meisten Cluster, insgesamt 40 an der Zahl, gingen auf Gesundheitseinrichtungen zurück.

In den Erhebungen zum 4. August änderte sich dies nur minimal: Es wurden sechs Cluster festgestellt, die auch auf öffentliche Verkehrsmittel schlossen. Angesichts von insgesamt 609 Infektionsketten bis zu diesem Zeitpunkt ist die Menge allerdings gering. Sie macht etwa ein Prozent aus.

Maskierte Menschen warten in Paris auf den Bus.
Paris: Eine Cluster-Analyse aus Frankreich weist kaum auf Infektionen im ÖPNV. © GiulianiBruno / Shutterstock

Überraschendes Ergebnis aus Japan

Das Bild von überfüllten Zügen ist in Japans Hauptstadt Tokio mehr als gängig. Umso überraschender dürfte für viele das Ergebnis einer japanischen Cluster-Analyse zur Ansteckung mit dem Coronavirus sein.

Eine Forschergruppe an der Universität Tokio um den Virologen Hitoshi Oshitani hat sich mit der Frage befasst, wie Infektionsschwerpunkte entstehen und wo das Risiko besonders hoch ist, sich anzustecken.

Aus 3.184 Covid-19-Fällen konnten die Wissenschaftler 61 Cluster ausmachen. Von diesen wies keine Infektionskette auf Busse oder Bahnen hin. Stattdessen stellten sich folgende Orte als Hotspots für Infektionen heraus: Restaurants, Fitnessstudios, Konzerthallen, Arbeitsplätze, Altenheime oder Karaoke-Bars.

Maskierte Männer warten in Tokio auf ihre Bahn.
Tokio: Die U-Bahn ist laut einer japanischen Cluster-Analyse kein Hotspot für eine Infektion mit dem Coronavirus. © Ned Snowman / Shutterstock

New York: Kein Hinweis auf Superspreader im ÖPNV

Seit dem Ausbruch von Covid-19 meiden auch Menschen in New York die öffentlichen Verkehrsmittel – und zwar aus der Sorge heraus, sich dort mit dem Coronavirus anzustecken. Eine Umfrage der „New York Times“ unter den ortsansässigen Verkehrsunternehmen fand allerdings heraus, dass es keine nennenswerten Superspreader-Vorkommnisse im öffentlichen Nahverkehr gab.

Das Infektionsrisiko sei demnach nicht so gravierend, wenn sich Fahrgäste an Hygiene- und Sicherheitsregeln halten. Dazu gehört unter anderem auch das Tragen von Masken.  

 

Fahrgäste in der New Yorker U-Bahn.
Eine Umfrage unter New Yorker Verkerhsunternehmen liefert keine Hinweise auf Superspreader-Vorkommnisse im ÖPNV. © Kits Pix / Shutterstock

Warum der ÖPNV sicherer ist als angenommen

Anders als viele Menschen vermuten, ist das Ansteckungsrisiko mit dem Coronavirus in Bus und Bahn nicht erhöht. Das hat unterschiedliche Gründe.

Nach den Erhebungen in Frankreich haben unter anderem das Abstandhalten und die Maskenpflicht dazu beigetragen, eine Verbreitung von Covid-19 einzudämmen. Auch wird der öffentliche Nahverkehr – unter anderem wegen Homeoffice- und Kurzarbeit-Regelungen – nach wie vor nicht so stark genutzt wie vor der Pandemie.  

Ein weiterer wesentlicher Faktor besteht darin, dass Fahrgäste in Bussen und Bahnen kaum sprechen – vor allem dann nicht, wenn sie alleine reisen. Das ist entscheidend, denn das Coronavirus wird in erster Linie über Tröpfchen und Aerosole übertragen. Abgesehen von den wenigen sozialen Interaktionen im ÖPNV ist der Aufenthalt in Bussen und Bahnen auch zeitlich meist nur kurz bemessen.

Minister aus Singapur nimmt ÖPNV in Schutz

Keinen Anhaltspunkt für ein erhöhtes Ansteckungsrisiko im öffentlichen Nahverkehr sieht auch Lawrence Wong, Minister für nationale Entwicklung in Singapur.

Hintergrund: Als es für Singapur nach dem Lockdown wieder zurück ins öffentliche Leben ging, wurde der öffentliche Nahverkehr wieder aufgenommen. Soziale Kontakte dagegen lagen weiterhin auf Eis. Diese Entscheidung stieß offenbar auf Unverständnis. Denn der Politiker nahm Busse und Bahnen in Schutz und erklärte: „Wir haben Beweise, dass das Infektionsrisiko bei Versammlungen und sozialen Interaktionen größer ist als im öffentlichen Nahverkehr, wo Menschen Masken tragen, nicht sprechen und nur für kurze Zeit in desinfizierten Fahrzeugen unterwegs sind.“
 
Das Setting im ÖPNV sei andere als in Situationen, in denen sich Menschen mit Familie und Freunden treffen. „Soziale Interaktionen haben einen ganz anderen Risikograd. Wenn wir zusammenkommen, sei es zum Reden oder zum gemeinsamen Essen, sind die Risiken viel höher“, so Wong.

Zwar sei es nicht immer möglich, genügend Abstand in Bussen und Bahnen zu halten. Allerdings greifen dort andere Maßnahmen. Dazu gehören unter anderem die Maskenpflicht sowie die verstärkten Hygiene- und Sicherheitsmaßnahmen der Verkehrsunternehmen.

Masken und Ventilatoren: Ein Erklärungsansatz aus New York

Welche Punkte den öffentlichen Nahverkehr in Coronazeiten sicher(er) machen, damit hat sich der Bericht „Back on Board“ der Tri-State Transportation Campaign in New York befasst. In dem Bericht wird neben verstärkten Reinigungsmaßnahmen und dem Abstandhalten die Wichtigkeit des Maskentragens betont.

Veranschaulicht wird dies anhand der Corona-Infektionsverläufe von Italien und Südkorea. Beide Länder hatten in den ersten Wochen der Pandemie eine ähnliche Entwicklung. Ende Februar verteilte die südkoreanische Regierung Atemschutzmasken an die Bevölkerung, Italien nicht. Die Folge: Die Infektionskurve flachte in Südkorea ab, während sie in Italien anstieg.

Wenn es nun darum geht, die Verbreitung von Covid-19 einzudämmen, spielt in Bussen und Bahnen nicht nur das Maskentragen eine entscheidende Rolle, sondern auch die Belüftung in den Fahrzeugen. Der New Yorker Bericht stützt sich dabei auf vergangene Studien und Erfahrungen mit ähnlichen Atemwegsviren wie Covid-19. Demnach sorgen Belüftungssysteme nicht nur für saubere Luft, sondern können auch Infektionsrisiken mindern.